19.03.2026
Judika: dienen oder sich dienen lassen
Dr. Arndt Haubold, Pfarrer in Ruhestand, spricht in seiner Zeitungsandacht vom 21.03.2026 über Herrschaft im Glauben.
Dienen oder sich dienen lassen?
Am Sonntag wird in vielen Kirchen ein Wort Jesu zitiert: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.“ Wir haben heute keine Diener mehr, und wir machen auch keine „Diener“, also keine höflichen Verbeugungen. Wir kennen nur noch Dienst, Dienstleister und Bedienstete, aber alles ohne Knicks und Diener und meist ohne schwarze Livree. Junge Männer möchten nicht gern zum Wehrdienst verpflichtet werden. Das persönliche Dienen ist sachlichen Dienstleistungen gewichen.
Ist das Dienen damit überholt? In dem Jesuswort ging es um eine Machtfrage. Zwei Jünger Jesu hatten sich gewünscht, im Reich Gottes zu Jesu Seiten sitzen zu dürfen – einer rechts und einer links. Noch heute spielt die Sitzordnung an der Tafel eines Königs oder eines Präsidenten eine Rolle. Obenan sitzen die Hochrangigen, weiter unten die Niedriggestellten. Der Ausschluss davon, wie er gerade im britischen Königshaus mehrfach zu erleben war, ist eine schmerzhafte Degradierung.
Aber Jesus weist den Wunsch der Jünger zurück. Was bei den Herrschern dieser Welt üblich ist, das soll unter euch in der christlichen Gemeinschaft nicht so sein! Ist die Kirche aber wirklich ein herrschaftsfreier Raum? Gibt es nicht einen mächtigen Papst, einflussreiche Bischöfe und herrschsüchtige Pfarrer? Spuren von alledem sind in der Realität tatsächlich zu finden, weil auch die Kirche aus Menschen besteht. Die sexuellen Vergehen, die in der letzten Zeit auch in der Kirche aufgedeckt worden sind, zeugen schmerzhaft davon. Dennoch ist das Prinzip „Dienen statt Herrschen“ in der Kirche noch gültig. Viele gläubige Menschen verstehen ihren Einsatz für die Kirche oder für notleidende Mitmenschen als ein Dienen für Gott. Sie rechnen ihre geleisteten Stunden und ihre geopferten Beiträge nicht ab. Auch die Gestaltung oder der Besuch eines Gottesdienstes ist Ausdruck eines Dienstes für Gott. Und die meisten Pfarrer und Pfarrerinnen werden sich nicht als Herrscher über die Gemeinde verstehen, sondern als die irdischen Diener Gottes. Wo es anders aussieht, muss die Gemeinde eingreifen. Immer noch ist es schön, wenn jemand bereit ist, seinen Mitmenschen, der Gesellschaft oder Gott dankbar zu dienen, statt nur zu fordern.
Pfarrer i. R. Dr. Arndt Haubold, Wintersdorf