11.05.2026
Kantate: Tanzt in den Mai

Zum ersten Mal schreibt Stefan Thiel das Wort zum Wochenende für die OTZ. In seinem Beitrag zum 1. Mai denkt er über die Walpurgisnacht, alte Bräuche und die Sehnsucht nach Lebendigkeit, Freiheit und innerem Aufblühen nach.

 Ein Plakat verkündet: „Walpurgisnacht, 30. April: Hexenverbrennung, Fackelumzug, Hüpfburg“. Ein Foto zeigt lachende Kinder in Hexenkostümen vor einem Scheiterhaufen, auf dem eine Hexenpuppe verbrannt werden soll. Ich möchte das fröhliche Treiben nicht etwa mit erhobenem Zeigefinger tadeln, auch wenn einem schon etwas mulmig werden kann, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Frauen früher tatsächlich verbrannt wurden – aus abergläubischer Angst oder durch Denunziation. Auch wenn es immer wieder Anlass zur Angst vor Fanatismus gibt, können wir uns heute wirklich darüber freuen, dass solche düsteren Glaubensvorstellungen in unserer Welt keine Macht mehr haben. Dass heute wieder in den Mai getanzt und gefeiert wird, statt staatlich verordneter Maidemonstrationen, zeigt, dass die uralte Bedeutung, in diesem Monat das Leben selbst zu feiern, noch immer spürbar ist.
 Die dunkle, ruhige Zeit des Winters ist endgültig vorbei und das Leben bricht sich mit aller Kraft Bahn. Schon immer wurde zum Maianfang getanzt, gelacht und geliebt. Es wurden Feuer entzündet, um hindurch zu tanzen, um Schutz und Segen zu bekommen, aber auch, um das Alte zu verbrennen – lange bevor Hexen verbrannt wurden. Die Walpurgisnacht erinnert uns an die wilde, ursprüngliche und ungeordnete Kraft unserer Gefühle, die staatliche oder kirchliche Macht oft gefürchtet hat. Auch der Maibaum, der an vielen Orten aufgestellt wird, ist ein jahrhundertealtes Symbol für Fruchtbarkeit, Lebenskraft und die Verbindung von Himmel und Erde. Das Schmücken mit Blumenkränzen und grünen Zweigen ist Ausdruck der Freude über das zurückgekehrte Leben. Alles darf blühen – innen wie außen.
 So will uns der Mai fragen: Was will in dir erblühen? Wo sehnst du dich nach Lebendigkeit? Was möchte sich in dir zeigen, wachsen und sich ausdrücken? Wo hältst du dich vielleicht noch zu sehr zurück? Wie wäre es, wenn du dir erlaubst, ganz aufzublühen? Es ist eine Zeit, die dich ermutigt, dein inneres Feuer zu nähren, deine tiefen Sehnsüchte ernst zu nehmen und deinem Körper, deiner Sinnlichkeit und deiner Intuition wieder mehr Raum zu geben. Du musst schließlich nicht mehr befürchten, als Hexe verbrannt zu werden.